Mary hatte also ein paar Koffer gepackt und zog im Jahr 2000 kurz vor Weihnachten aus dem gemeinsamen Haus in eine 1-Zimmerwohnung am anderen Ende der Stadt. Ihre Ehe war für sie nun nach fast 12 Jahren vorbei. Ihr 15jähriger Sohn, ihr Ehemann und die Pflegeeltern blieben zurück und verstanden noch immer nicht, warum Mary diesen Schritt machte.
Mary war schon seit einer Weile wegen ihres körplichen und seelischen Zustandes berentet und wollte sich nun endlich einmal auf sich selbst konzentrieren, wollte wieder Kraft bekommen, um irgendwann auch wieder Zugang zu ihrem Sohn zu finden. Anfangs versuchte sie per Telefon eine neue Verbindung zu ihren Pflegeeltern aufzubauen. Aber da wurde sie mit Vorwürfen und Unverständnis wegen ihrer geplanten Scheidung überhäuft, so daß sie diese Kontaktversuche bald wieder abbrechen musste, weil sich ihre Schuldgefühle durch die Vorwürfe der Eltern noch mehr verstärkten.
Es folgten mehrere längere Klinikaufenthalte und sie bekam einen Platz für ambulantes betreutes Wohnen. Ihren Sohn konnte sie aus mehreren Gründen nicht zu sich holen. Mary war nicht in dem Gesundheitszustand, um einen geistig behinderten hyperaktiven Jugendlichen die nötige Pflege zu geben. Der Junge war ausserdem so auf ihre Eltern fixiert (und auch umgekehrt), daß man ihn dort nicht einfach heraus reissen konnte. Er fühlte sich ja in seiner Umgebung wohl ... auch ohne seine Mutter.
Als Mary versuchte, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, um Albträume, Depressionen und dissoziative Zustände abzubauen, begann sie einige Dinge aufzuschreiben und in einer Homepage zu veröffentlichen. Dabei lernte sie jemanden aus Regensburg kennen, woraus sich ein lockerer E-mail- und Telefonkontakt entwickelte. Zu diesem Zeitpunkt bestand abgesehen zu ihrer Schwester Gabi und einer Freundin aus der Klinik keine weitere nahe persönliche Beziehung zu irgend einem Menschen. Der Regensburger Freund Peter besuchte sie dann irgendwann mal in Görlitz und die Freundschaft wurde enger. Als Mary einen Therapieplatz in Prien am Chiemsee hatte, besuchte er sie regelmässig und lud sie zu sich nach Regensburg für einige Wochen nach der Klinikentlassung ein. Daraus wurden drei Monate und sie beschlossen, daß Mary nach Regensburg umziehen wird, wo sie eine Wohnung für sie fanden. Jetzt war der Entschluss total ausgereift, daß sie Görlitz den Rücken kehren wird und mit ausreichend Abstand zu ihrem Geburtsort ihr neues Leben gestalten kann.
Seit einigen Jahren nun lebt Mary mit Peter in einer gemeinsamen Wohnung. Sie haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut, in dem Mary trotz eingeschränkter Gesundheit, so viel Lebensqualität wie für sie nur möglich, geniessen kann. Der räumliche Abstand zu ihrer alten Umgebung bewirkte sogar mehr, als sie sich erhofft hatte. Sie konnte wieder Kontakt zu ihren Pflegeeltern aufbauen, die inzwischen auch verstanden haben, warum Mary damals geflüchtet war. Ihrem nun erwachsenen Sohn schickt sie regelmässig Päckchen, auf die er freudig wartet. So oft sie möchte, telefoniert sie mit ihm. Er lebt seit seinem 18. Lebensjahr wochentags in einer Einrichtung in der Görlitzer Lebenhilfe mit angeschlossener Behindertenwerkstatt und verbringt die Wochenenden und Urlaubstage bei der Oma und Mary`s geschiedenem Ex-Mann. Er fühlt sich wohl in seiner kleinen Welt, ein Fakt, der auch für Mary mehr Zufriedenheit bringt ... ebenso wie die Tatsache, daß die Beziehung zu den Pflegeeltern herzlicher als jemals zuvor wurde. Leider ist der Opa (Mary`s Pflegevater) inzwischen verstorben ... viel zu früh für Mary`s Empfinden. Denn gerade jetzt nach der Versöhnung hätte sie ihm noch so viel sagen wollen ... Zur Oma hat Mary eine sehr gute Beziehung. Sie telefonieren regelmässig miteinander und sehen sich, wenn die Oma für einige Tage im Jahr zu Besuch kommt.
Ansonsten lebt Mary mit Peter sehr zurückgezogen, verzichtet auch konsequent auf das knüpfen neuer Kontakte. Sie entscheidet nun selbst, wer ihr gut tut und wer in ihre Nähe darf. Das sind nur sehr wenige Menschen ... und das ist gut so!