Ab jetzt schreibe ich in der Ich-Form unter nicht mehr unter dem Namen "Mary".
Menschen mit psychischen Problemem landen, wenn sie es zulassen irgendwann einmal in einer psychiatrischen Einrichtung.
Nach einem völligen Zusammenbruch wurde ich 1995 zum ersten Mal in meinem Leben in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Das war natürlich ein Schock für mich, weil ich ebenso wie die meisten Leute noch immer das Klischee von der Klapsmühle, dem Irrenhaus und geschlossener Abteilungen im Kopf hatte. Mein erster Eindruck schien diese Ansicht sogar zu bestätigen. Auf dem Gang begegneten mir Patienten mit unterschiedlichstem Verhalten. Da war eine geistig behinderte junge Frau, die lautstark vor sich hin schimpfte. Und dort war wiederum eine Frau, die sich im Zeitlupentempo bewegte und deren Augen unbeweglich vor sich hin starrten. Eine offensichtlich verwirrte ältere Dame versuchte fortwährend die Tür zum Treppenhaus zu öffnen und wurde von einer Schwester immer wieder daran gehindert, so lange bis dem Personal die Geduld ausging und sie die Tür verschlossen. Über meine eigenen Erfahrungen während meiner Aufenthalte in einer psychiatrischen Klinik möchte ich hier berichten.
Mein Glück war, dass ich in ein Zimmer verlegt wurde, in dem nur Frauen meiner Altersgruppe einquartiert waren. Mit ihnen konnte man sich völlig normal unterhalten und sie waren auch nicht so stark gestört, wie die Patienten auf dem Gang. Sie litten hauptsächlich unter Angststörungen. Durch die Anwesenheit dieser Patientinnen empfand ich den Aufenthalt in der Klinik noch einigermaßen erträglich. Unvorstellbar, wenn ich mein Zimmer zu dieser Zeit mit ähnlich gestörten Patienten, wie die auf dem Gang, hätte teilen müssen. Da es ein Vierbettzimmer war, was nach meiner Meinung sowieso eine Zumutung für seelisch Kranke ist, hätte mir das wohl den Rest gegeben. Wenn ich mir das auch äußerlich nicht sonderlich anmerken ließ, so ging es mir damals wirklich mies. Da wäre ich manchmal für eine ruhige Ecke, in die man sich zurückziehen kann, sehr dankbar gewesen. Als im Laufe der Zeit meine Zimmerkameradinnen entlassen wurden, bewahrheiteten sich auch meine Befürchtungen. Fortan musste ich das Zimmer mit teilweise sehr gestörten Leuten teilen. Da ich selber einen geistig behinderten Sohn habe, glaube ich genügend Toleranz gegenüber stark geistig verwirrte Menschen zu besitzen. Aber in meinem damaligen Zustand empfand ich die erzwungene Nähe zu diesen Personen als quälend. Ich war nicht fähig, mich bei den anderen Patienten durchzusetzen oder mich abzugrenzen, hab alles getan, was man von mir erwartete und konnte mich nicht wehren, wenn mir etwas zu viel wurde. Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn man da vom Personal ein wenig mehr Unterstützung gehabt hätte, doch das war nicht der Fall.
Wollte ich im Park zur Ablenkung eine Zigarette rauchen, war ich oft gleich die halbe Schachtel los, weil ich zu niemandem „Nein“ sagen konnte. War ich abends eingeschlafen, schreckte ich plötzlich hoch, weil meine Bettnachbarin an mir rüttelte, um sich mit mir zu unterhalten. Die alte Frau in der anderen Ecke irrte durchs Zimmer und verwechselte den Papierkorb mit der Toilette. Eines Nachts hatte sie ihre Pfütze genau vor meinem Bett gemacht. Ich bat einen Pfleger um Reinigungsutensilien, die er mir aber mit der Begründung verwehrte, dass morgen sowieso gewischt wird. Diese Reaktion auf meine Bitte war mir ein Rätsel, denn ich hatte ja nicht verlangt, dass es der Pfleger wegputzen soll, sonder ich hätte es selbst getan … nur um ihm nicht lästig zu sein. Ich konnte nicht einschlafen, denn ich fühlte mich unwohl mit dieser Pfütze neben meinem Bett. Als ich nochmals den Pfleger aufsuchte wurde ich wieder abgewimmelt und man sagte mir, dass ich mich nicht so haben soll. Unverrichteter Dinge musste ich also neben der Pfütze schlafen und es konnte nicht dümmer kommen, … als ich morgens im Halbschlaf aus dem Bett steigen wollte, landete ich mit beiden Füssen in dem noch feuchten Fleck.
Oft hatte ich den Eindruck, dass einigen Mitarbeitern des Personals das notwendige Einfühlungsvermögen für seelisch Kranke fehlt. Es gibt in psychiatrischen Kliniken unzählige Patienten mit mangelhaftem Selbstwertgefühl. Für diese Menschen ist es sicherlich wenig hilfreich, wenn sie dann zusätzlich noch von oben herab behandelt werden.
Einmal konnte ich mich in einen 75jährigen Mann hinein versetzen, der vor der Klinik auf einer Bank saß und weinte. Warum ich mich zu ihm setzte, kann ich nicht mehr sagen- vielleicht tat er mir einfach leid. Er begann jedenfalls zu erzählen und ich hörte ihm zu. Er sprach über seine Familie, über den Krieg und über einige sehr persönliche Erfahrungen. Er ließ mich wissen, dass er sein Leben gelebt hatte und er sich damit abgefunden hat, nicht mehr allzu lange zu leben. Eigentlich wollte er nur seine Ruhe haben. Aber hier in der Klinik ließ man ihn nicht in Frieden. Ihm ging es an diesem Tag nicht besonders gut, worum sich aber niemand kümmerte. Eine Schwesterschülerin hätte schon mehrmals an ihm herum gezerrt, weil sie ihn zum Frühsport zwingen will. Dafür stand ihm aber in seiner Verfassung nicht der Sinn.
Kaum hatte er das Thema Sport erwähnt, war plötzlich diese Schwester neben uns. Sie versuchte ihn förmlich von der Bank hoch zu zerren, damit er mit ihr geht. Mag jeder von mir denken, was er will. In diesem Moment hätte ich der Person am liebsten die Hände von der Jacke des armen Mannes gerissen. Sie war etwa zwanzig Jahre alt. Wer gab ihr das Recht so mit einem alten vom Leben gezeichneten Menschen zu verfahren. Zusätzlich als abwertend empfand ich auch, dass sie den Mann mit "du" ansprach. Er war mehr als dreimal so alt wie sie.
Auch mit mir wurde oft nicht gerade zimperlich verfahren. Da ich häufig Migräne habe, wurde ich vom Arzt meiner Therapiegruppe belehrt, dass ich mir, sofort bei den ersten Anzeichen noch bevor der Anfall richtig ausbrechen kann, beim Schwesternpersonal das entsprechende Medikament holen soll. Das habe ich dann auch versucht. Dabei ist es mit einigen Ausnahmen ziemlich oft passiert, dass mir die Herausgabe verweigert wurde. Die Begründung dafür war:" Ich sollte doch noch warten. So schlimm wird es doch nicht sein. Wenn es nicht mehr geht, könnte ich ja dann später immer noch etwas gegen die Kopfschmerzen bekommen. Wenn ich bei jeder Kleinigkeit ein Schmerzmittel nehme, wäre ich bald medikamentenabhängig." Wer oft Migräne hat, wird wissen, wie sinnlos der Versuch ist, auf ein plötzliches Nachlassen der Schmerzen zu warten. Wenn der Anfall erst mal vollständig da ist, helfen die Mittel nur noch bedingt. Manchmal hatte ich dann gar nicht mehr das Personal mit solchen Sachen belästigt. Lieber nahm ich die Übelkeit und die Schmerzen in Kauf. Sicherlich war ich nicht die ideale Patientin. Und wahrscheinlich hab ich mich auch nicht immer perfekt verhalten. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass gerade das Personal in der Psychiatrie ein wenig mehr Verständnis für seine Patienten aufbringen könnte.
Ist es eigentlich normal, dass alle Fenster in der Psychiatrie mit Ketten verschlossen werden, weil ein Patient als selbstmordgefährdet eingestuft wird? Was ist mit den anderen Kranken, die sich nicht umbringen wollen? Wieso müssen die bei geschlossenem Fenster schlafen? Wenn da einer dabei ist, der Panik in geschlossenen Räumen bekommt? Für diesen Menschen sind doch solche Maßnahmen pure Quälerei. Eine differenziertere Unterbringung der Kranken wäre sicherlich sinnvoll. Viele psychisch kranke Menschen mit unterschiedlichen Symptomen auf engem Raum ohne Rückzugsmöglichkeit werden aggressiv. Das soll aber nicht bedeuten, dass nun gleich jede eigensinnige Macke der Patienten widerspruchslos geduldet werden sollte.. Vielleicht wäre mit einer speziellen Weiterbildung des Pflegepersonals (auch im menschlichen Umgang mit seelisch kranken Patienten) beiden Seiten geholfen.
Warum wurden stark Depressive mit einigen aufgezwungenen (angeblich hilfreichen) Therapien so extrem unter Druck gesetzt und überfordert, daß sie sich als Ausweg das Leben nahmen?
Eine 55jährige Frau hat starke Herzbeschwerden und das Personal tut dies als psychosomatisch ab. Wieso stirbt sie dann direkt vor meiner Zimmertür auf dem Klinikgang ausgerechnet an Herzversagen? Beim Versuch der Wiederbelebung durch eine Ärztin für Psychiatrie und Neurologie stellte sich dann auch noch heraus, daß die Sauerstoffflasche leer war …
Ich könnte noch zahlreiche andere Begebenheiten aus meiner Zeit in der Psychiatrie aufzählen und auch auf mehrere Sterbefälle eingehen, denn mir kommen da öfters noch einige Dinge hoch. Aber das möchte ich mir nicht antun … wegen der noch immer vorhanden Wut, Traurigkeit und Hilflosigkeit, wenn ich mich an bestimmte Dinge erinnere.
Natürlich gab es auch Mitarbeiter des Personals, die ihren Beruf wirklich gern ausübten und die das Vertrauen der Patienten erhielten. Aber ebenso gab es Gleichgültigkeit und Ablehnung.
Nie wieder würde ich mich in eine stationäre psychiatrische Einrichtung einweisen lassen! Ich war dort mit Unterbrechungen über einen sehr langen Zeitraum mit Depressionen, diversen Ängsten, körperlichen Störungen, mit dem Verdacht auf Borderline und später Posttraumatische Belastungsstörung / PTBS. Nie wieder stationär!
Mit dieser Seite möchte ich nicht die gesamte Psychiatrie kritisieren. Es ging hier ausschließlich um meine eigenen persönlichen Erfahrungen, die ich von 1995-1998 in einer Klinik gesammelt habe. Man kann nur hoffen, daß niemand mehr unter solchen Bedingungen therapiert wird!